Einleitung
Our Stories Matter": Ein Schreibabend zwischen Sprachen und Erinnerungen
Elf Frauen aus verschiedenen Herkunftsländern haben im Workshop „Our Stories Matter" in der Anna Mettenhof gemeinsam über Heimat geschrieben. Entstanden sind kurze und wunderschöne Texte, die wir hier gerne veröffentlichen:
Zwischen Worten und Erinnerungen – Ein Erfahrungsbericht
Was bedeutet Heimat für uns? Wo finden wir sie? Und wie können wir lernen unsere Gefühle für unsere Heimat in Worte zu verpacken und auf dem Papier festzuhalten?
Um den Antworten auf diese Fragen näher zu kommen habe ich im Rahmen meines Praktikums bei Bündnis eine Welt den Schreibworkshop von Aicha N. Ben Brahim am 06.11.25 in der "Anna Mettenhof" besucht. Gemeinsam mit einer Gruppe von Frauen unterschiedlicher Herkunft haben wir darüber geredet und geschrieben, was wir mit dem Wort Heimat verbinden.
Zu Beginn lädt Aicha uns ein, unsere fünf Sinne zu nutzen, um der eigenen Heimat nachzuspüren, was man sieht oder riecht, schmeckt oder fühlt, wenn man an seine Heimat denkt. Beim in sich hineinhorchen und Aufschreiben meiner Wahrnehmungen habe ich mich sehr verbunden gefühlt mit meiner Heimat. Ich habe das Vogelgezwitscher gehört, als würde ich genau in diesem Moment im Garten meiner Eltern sitzen oder einen Frühlingsspaziergang am Meer machen. Die frische Wäsche riechen oder das Parfüm meiner Mutter. In dem Moment wurde mir aber auch bewusst wie privilegiert ich bin, dass dies die ersten Assoziationen sind, die ich mit Heimat verbinde. Sichere und positive Gefühle. Die positiven Gefühle, besonders derer die aus Kriegsländern flüchten mussten, werden oft überschattet von aktuellen Kriegen in ihrem Land oder schmerzlichen Erinnerungen. Trotz dieser tiefgreifenden Erfahrungen blicken viele der Teilnehmenden mit Wärme und Liebe auf ihr Land. Die kostbaren Erinnerungen und schönen Erlebnisse tragen sie tief in ihren Herzen und bewahren sie als kostbare Schätze, aus denen sie Kraft schöpfen können. Heimat riecht, klingt und schmeckt für jede und jeden von uns anders und manchmal sind die Erinnerungen nicht nur schön, sondern auch mit Schmerz verbunden.
Trotz der spürbaren Sprachbarriere entstand ein Gefühl von Nähe und Verbundenheit. Als ich den Frauen auf einer mir komplett unbekannten Sprache ihre Geschichten erzählen hörte, musste ich nicht jedes Wort verstehen, um zu fühlen, was sie ausdrücken wollten. Manchmal genügt schon ein Gesichtsausdruck oder die Betonung der Worte, um die Gefühle mitzuerleben. Die Referentin, die sowohl Arabisch als auch Deutsch sprach, gab den Emotionen, die durch das Zuhören geweckt wurden, eine ergänzende Wirkung, erklärte sowohl wichtige Passagen als auch Hintergründe der Geschichten. Dadurch schuf sie eine weitere verbindende Brücke zwischen den Teilnehmenden und ermöglichte es uns allen, die Tiefe Bedeutung der Erzählungen und Texte noch intensiver zu verstehen.
Während des Schreibens unserer Texte liefen im Hintergrund auf einer Musikbox Lieder aus den Heimatländern vieler Teilnehmerinnen. Die vertrauten Klänge sorgten für eine warme, vertraute Atmosphäre und weckten bei vielen den Wunsch, mitzusingen. Dadurch füllte sich der Raum mit einer lebendigen und herzlichen Energie und brachte uns alle einander noch ein Stückchen näher.
Aicha gab mit ihrem Schreibkurs den Teilnehmenden einen Raum, die Zeit und die Unterstützung sich aktiv mit dem Thema Heimat auseinanderzusetzen und ihre Erinnerungen und Gefühle auf Papier zu bringen. Sie hat die Menschen verbunden, ihnen die Möglichkeit gegeben, sich gegenseitig zu inspirieren und der einen oder anderen die Tür zu einer neuen Art der Selbstentdeckung geöffnet.
Marisa
Ausgewählte Texte aus dem Workshop
Heimat
Ich wohne im Norden Deutschlands, in Kiel, seit sehr, sehr vielen Jahren.
Ich habe all diese Jahre immer Heimweh gehabt, jedes Jahr genauso stark wie das Jahr davor.
Seit ein paar Jahren habe ich beruflich viel mit der Kultur des Nahen Ostens zu tun, und wie hätte ich ahnen können, wie oft ich mich bei meiner Arbeit wie zu Hause fühlen würde.
Es gibt so viele Ähnlichkeiten mit meiner Kultur (Lateinamerika), z. B. Wörter wie „Pantalón", die lebendige Stimmung, die familiären Werte, die Gewürze beim Kochen, also die Düfte es riecht genau wie in meiner Heimat, sodass sich kein Tag wie Arbeit anfühlt.
Nach so vielen Jahren Heimweh habe ich in Deutschland ein kleines Stück Zuhause gefunden.
Veró S
Heimat
Eine Wange
Ein Kuss
Wange an Wange
Wärme, unendliche Liebe
Mamá
Meine Heimat
Veró S
Text einer Teilnehmerin:
„Wir reisen wie alle Menschen, doch wir kehren zu nichts zurück…Als wäre das Reisen Der Weg der Wolken." (Mahmoud Darwish, Weniger Rosen, S. 23)
Wir sind gereist, wurden entwurzelt, haben unsere Geliebten dort hinterlassen und wir wissen nicht, wo der Rückweg ist.
Wir haben uns verlaufen. Wir fühlen uns fremd in einem Land, wo wir nicht dazu gehören, dennoch sind wir verpflichtet uns in diesem Land zu integrieren.
Die Sehnsucht nach unserer Heimat ist noch immer in uns, die Sehnsucht nach unserer Erde, nach der Familie, den Freunden und unseren Häusern, die nur als Erinnerung geblieben sind. Es ist eine bittere Erinnerung, die das Ausdrücken unserer Gefühle verhindert.
Das Leben hat uns auseinandergebracht und jeder von uns lebt weit voneinander entfernt. Meine Kinder und Geschwister sind zerstreut in der Welt. Wir können nur Gott darum bitten, dass Er uns wieder zusammenbringt, aber wir wissen, dass dies nur ein Traum bleibt.
Wir sind seit 12 Jahren in der Fremde und bitten Gott darum, dass Er uns hilft und unsere Herzen von dieser Sehnsucht heilt.
In diesem Kontext schrieb der palästinensische Dichter Mahmoud Darwish:
„Wir haben ein Land aus Worten. Sprich, sprich, damit wir vom Ende dieser Reise erfahren!" (Mahmoud Darwish, Weniger Rosen, S. 23)
Text und Fotos: Team Mettenhof-Podcast