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In diesem Jahr hat Sükran ihre mittlere Reife abgeschlossen und beginnt eine Ausbildung zur Rechtsanwaltfachangestellten. Doch ihr eigentliches Ziel, Jura zu studieren, behält die junge Frau stets im Auge. Nur so könne Sükran später wirklich auch zwischen den Kulturen vermitteln. Außerdem ist die quirlige Muslimin von der Juristerei vollkommen fasziniert, weil sie der Meinung ist, aus dieser Position heraus etwas bewegen zu können, das sowohl für die deutsche als auch für die kurdische Gesellschaft wichtig sein könnte.
Im Moment hat Sükran den großen Wunsch, ein Fest zu organisieren, das ihre Landsleute und deutsche Bürger zusammen führt. Gemeinsam könne man dies vorbereiten und anschließend miteinander feiern. Das wäre die halbe Miete, um zur besseren Verständigung der beiden Volksgruppen beizutragen, meint die junge Frau und ist davon absolut überzeugt. Sükran behauptet von sich, dass sie eine echte Mettenhoferin ist.
Seit zwei Jahren trägt Sükran das Kopftuch. Obwohl die lebhafte Muslimin der Meinung ist, dass sie und ihre Familie in der deutschen Gesellschaft vollkommen integriert sind, so fühlt sie sich mit dem Kopftuch doch nicht richtig angenommen. Über diese Äußerung von Sükran muss sich unsere Gesellschaft einmal Gedanken machen, denn Sükran trägt nicht einfach nur ein Tuch, sondern sie stimmt es farblich mit ihrer Kleidung ab, die fast immer bunt und lebendig wirkt. Sükran hat ihren eigenen Modestil entwickelt, der ihre gute Laune (die sie meistens hat) noch positiv unterstreicht. Allerdings sagt die junge Frau auch, dass ihre eigenen Landsleute zum Teil daran Schuld sind, wenn bei uns die Kopftücher nicht akzeptiert werden. Einige Menschen würden ihre Religion ausnutzen, weil sie ihre Töchter zwingen, in ganz jungen Jahren bereits das Tuch zu tragen. Das sei nicht richtig, weil das Kopftuch nur freiwillig getragen werden sollte. So zumindest sagt es der Koran.
Außerdem findet Sükran es schade, dass scheinbar niemand bereit ist, etwas gegen das zu frühe Kopftuchtragen zu unternehmen. Ein Kind sollte alt genug sein, um selbst zu entscheiden, wann es das Tuch tragen möchte. Weder die deutsche noch die kurdische Gesellschaft ist anscheinend daran interessiert, diesen Zustand zu ändern. Doch diese Veränderung wäre so wichtig, weil manche, islamischen Eltern gar nicht wüssten, was sie ihren Kindern antun. Sükran sagt auch ganz klar, dass die Religion mit der Tradition nichts zu tun hat. Doch für dieses und andere Probleme gibt es wohl nur ein Zauberwort, und das heißt Aufklärung auf allen Seiten.
Sükran wünscht sich nichts mehr, als von der deutschen Gesellschaft für ihren Kleidungsstil und ihre Herkunft respektiert zu werden. Den Respekt hat sich die junge Frau auch wirklich verdient, denn während ihrer Praktika in verschiedenen Gerichten in Kiel, hat sie aus Ehrfurcht vor der deutschen Justiz, das Kopftuch abgenommen. Sobald sie das Gerichtsgebäude wieder verließ, hat sie es wieder aufgesetzt. Die Mutter von Sükran trägt auch ein Kopftuch. Doch sie trägt es eher traditionell. Sükran sagt, dass sich so die Hausfrauen in ihrer kurdischen Volksgruppe kleiden würden. Außerdem spricht die Mutter nur ganz wenig Deutsch. Darum erweckt sie den Anschein, nicht wirklich integriert zu sein. Doch das stimmt nicht, weil die Mutter sich in Deutschland wohl fühlt. Zudem besucht sie gerade einen Deutschkurs. Doch dieser Kurs ist für die Frau, die inzwischen siebenundvierzig ist, die reinste Knochenarbeit. Auch über diese Anstrengung muss sich unsere Gesellschaft mal ein Paar Gedanken machen.
Sükrans Mutter hat niemals eine Schule von innen gesehen, nie einen Stift in der Hand gehalten oder jegliche Art von Bildung erhalten, weil die Situation in der Türkei dies nicht zuließ. Früher hatten die Kurden in der Türkei kaum Rechte. Schulbildung war schon gar nicht möglich. Da kann man verstehen, dass der Deutschkurs für Sükrans Mutter Schwerstarbeit ist. Doch der Rest der Familie hat diesbezüglich keine Probleme. Sie fühlen sich als Deutsche und das ist auch gut so.
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Die lebhafte Sükran hat sich hier einen großen Freundeskreis aufgebaut. Dieser besteht aus vielen deutschen und multinationalen Jugendlichen. Ihr bester Freund aus Kindetagen heißt Lukas. Er ist als guter Kumpel immer noch an ihrer Seite. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass Sükran mit ihrem Kopftuch in der Schule von allen akzeptiert wurde. Manchmal neigen Schüler ja dazu, andere wegen ihrer Kleidung zu verhöhnen. Doch bei der jungen Muslimin ist es nicht so. Vermutlich liegt das an ihrer einzigartigen und lebensfrohen Art. Hier haben die Schüler gezeigt, wie es geht, denn eine der Lehrerinnen von Sükran hat es nicht begriffen. Sie hat die junge Frau gemoppt, indem sie meinte, dass unter dem Tuch sowieso nichts sei. Es gab auch immer wieder andere Sticheleien. Dennoch hat Sükran es allen gezeigt, denn sie hat einen sehr guten Schulabschluss geschafft. Dem allen zum Trotz hat sich Sükran bestens auf ihrem Abschlussball amüsiert.
Mit leuchtenden Augen erzählte die junge Frau, dass sie auch mit ihren ehemaligen, deutschen Mitschülern getanzt hat. Sükrans Brüder haben sie sogar zu dem Fest gefahren. Sie sind stolz auf ihre Schwester. Manchmal ist es ja gerade in muslimischen Familien so, dass die Söhne mehr zu sagen haben, als die Töchter. Auch Sükran musste sich bei ihren Brüdern durchsetzen. Sie sagt, dass sie das mit ihrer großen Klappe und genügend Selbstbewusstsein geschafft habe.
Schon als Kind ist Sükran positiv aufgefallen. Zu Weihnachten ging sie von Tür zu Tür in ihrer Nachbarschaft und hat allen Christen ein frohes Fest gewünscht. Da war schon klar, dass die junge Frau ein ganz besonderer Mensch ist. Es wäre schön, wenn es noch viel mehr so aufgeschlossene und offene Frauen aus den islamischen Kulturkreisen gäbe, die bereit sind, Brücken bauen zu wollen, wie Sükran es tut. Die junge Muslimin hat sogar in dem Land ihrer Väter (Anatolien) versucht, zwischen den Kulturen zu vermitteln. Leider ist es ihr dort nicht gelungen. Sükran meinte, dass dort Welten aufeinander getroffen sind. Die Menschen dort haben ihre Denkweise nicht verstanden. Darum möchte die junge Frau auch erst mal nicht in die Türkei reisen. Sie war froh, wieder in Deutschland zu sein.
Übrigens würde Sükran auch einen deutschen Mann heiraten. Der müsste allerdings dem Islam beitreten. Für ihre Religion würde die junge Muslimin sogar die große Liebe opfern. Das wirkt erst mal befremdlich für uns Deutsche, zumal wir Sükran als aufgeklärten und aufgeschlossenen Menschen kennen gelernt haben. Doch nach ihrer Erklärung leuchtet es einem ein. Sükran sagt, dass sie derart von ihrer Religion überzeugt ist, dass ein Mann, der einer anderen Religion angehört, für sie keinen Sinn macht. Die junge Frau möchte alle islamischen Feiertage mit ihrem Ehemann gemeinsam verbringen. Es wäre für sie undenkbar, den Fastenmonat Ramadan und das Opferfest, alleine zu verbringen. So gesehen hat sie natürlich Recht.
Zum Schluss bleibt nur noch zu sagen, dass Sükran eine aufgeschlossene, offene, einzigartige und sehr liebenswerte, junge Frau ist.
Text/Artikel: Heidi Venker startbüro
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