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20
Jun
2009
Gedanken einer Mettenhoferin PDF Drucken E-Mail

"Mettenhof ist doch schön"
Eine zugezogene Mettenhoferin über ihren Stadtteil

Vor etwa zehn Jahren zog ich von Berlin nach Kiel-Mettenhof. Ich hatte mehr als 25 Jahre in Berlin gelebt. Aus persönlichen Gründen wollte ich diese Großstadt nun hinter mir lassen. Ich wollte mein Leben noch mal neu beginnen. Zu dieser Zeit lebte meine Schwester bereits 30 Jahre in Kiel-Mettenhof....

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Was lag da näher für mich, als auch nach Mettenhof zu ziehen. Endlich wollte ich auch mal wieder in der Nähe meiner Familie leben. Allerdings erwies es sich als schwierig, meinen Neustart von Berlin aus zu managen. Zum Glück bot mir meine Schwester an, erst mal bei ihr zur Untermiete zu wohnen. Allerdings beschlich mich auch ein Gefühl von Zweifeln und Skepsis. Immerhin war mir der Stadtteil Mettenhof als sozialer Brennpunkt bekannt. Ich war damals leider infiziert von tausend Vorurteilen. Sogar meine eigene Schwester hatte ständig etwas zu meckern über ihr eigenes Wohnumfeld. Da stellte sich mir natürlich die Frage, warum sie dann eigentlich so lange hier lebte? Es musste da ja etwas geben, das sie hier fesselte. Was das war, erfuhr ich erst viel später.

Inzwischen kreisten meine Gedanken um meinen Umzug nach Kiel. Konnte ich es wirklich wagen, nach Mettenhof zu ziehen? Immerhin war auch hier, wie in allen "Brennpunkten", die Arbeitslosigkeit sehr hoch. Außerdem lebten hier Menschen aus zig Nationen. Vandalismus, Alkoholmissbrauch, Verwahrlosung u.s.w. gehörten für mich genauso dazu, wie eine hohe Kriminalitätsrate. Dieser Eindruck wurde noch drastisch verstärkt durch die Erzählungen meiner Bekannten und Verwandten.

Vielleicht hatte ich auch die negativen Bilder aus Berlin in meinem Kopf. In dieser riesigen Stadt gibt es natürlich auch viele Brennpunkte, wie Hellersdorf, Wedding, Kreuzberg und Neukölln, um nur einige zu nennen. Aber nicht nur in Deutschland kannte ich diese Problembezirke, sonder auch z.B. London East End und Soho. In diesen Stadtteilen dominierten meistens Graffitischmierereien an grauen Hausfassaden, Müll auf den Straßen und Obdachlosigkeit an vielen Ecken. Erst jetzt, wenn ich mir diese Bilder ins Gedächtnis rief, merkte ich, dass es da etwas gab, was Mettenhof von allen anderen Brennpunkten grundsätzlich unterschied.

Mittlerweile wagte ich den Schritt und zog nach Mettenhof, zu meiner Schwester. Nun wurde es immer offensichtlicher, dass Mettenhof nicht der Ort war, für den ich ihn hielt. Ich sah Häuser, die nicht beschmiert waren mit Graffitis, Hausmeister; die bemüht waren, die Wohnanlagen sauber zu halten und vor allem sah ich viel Grün. Besonders gefiel mir auch, dass ich nur immer wenige Schritte laufen musste, um in der freien Natur spazieren gehen zu können. Wenn ich es wollte, war ich im Wald, zwischen Feldern oder in kleinen Naturschutzgebieten.

Besonders imposant fand ich auch die vielen, sozialen Einrichtungen, die gerade für Familien mit Kindern so wichtig sind. Auch alte Menschen fühlen sich in Mettenhof wohl, weil sie alles an Ort und Stelle haben. Die Einkaufsmöglichkeiten sind ideal. Vom Wochenmarkt bis zum Supermarkt, ist alles vorhanden. Es gibt viele Ärzte, Apotheken und genügend andere Anlaufstellen, die der Mensch zum Leben braucht.

 

Was mich persönlich aber am meisten beeindruckt hat, sind die sozialen Kontakte, die ich innerhalb kürzester Zeit knüpfen konnte. Was ich mir in Berlin immer gewünscht habe, wurde hier Realität. Durch meine Schwester lernte ich viele Leute kennen. Darüber hinaus war es wie eine Kettenreaktion, dass mich plötzlich Leute grüßten, die ich nicht wirklich kannte. Inzwischen kenne ich dutzende von Menschen, mit denen es sich auf dem Weg zum Einkaufen herrlich plaudern lässt. Faszinierend dabei ist, dass es sich nicht nur um deutsche Nachbarn handelt, sondern auch um Leute mit Migrationshintergrund. Auch mit ihnen kann ich auf der Straße stehen und tratschen. Das war mir in Berlin gar nicht möglich. Obwohl Berlin eine weltoffene Stadt ist, funktioniert das Miteinander doch eher im engen Nachbarschaftskreis. In Mettenhof ist es anders, denn hier zieht sich das Miteinander wie ein roter Faden, zumindest, was mich angeht, durch den ganzen Bezirk. Sogar ältere Damen mit Kopftuch, zu denen man meistens nicht so den Kontakt hat, kommen auf mich zu und möchten sich auch mal ein bisschen unterhalten. Einige von ihnen haben mir zwar einen neuen Namen verpasst, aber genau das finde ich besonders liebenswert. Jedenfalls versinkt man hier in Mettenhof nicht in der Anonymität einer Großstadt, wie Berlin.

Hier kann ich mich auch am Abend auf die Straße trauen, was ich in Berlin nicht gemacht hätte. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Kriminalitätsrate in Mettenhof höher ist, als in anderen Wohngegenden. Irgendwie hat man mir das Gefühl vermittelt, wenn Du hier wohnst, dann bist Du eine von uns. Also passiert Dir hier auch nichts. Wir passen auf Dich auf. Nirgendwo hatte ich dieses Gefühl des Zusammenhaltes, wie hier.

Inzwischen ist meine Schwester weggezogen aus Mettenhof. Sie lebt jetzt außerhalb von Kiel. Dort gefällt es ihr sehr gut, weil es dort so schön ruhig ist, "etwas zu ruhig", wenn man mich fragt. Aber ganz leise schwingt doch immer so etwas wie Wehmut mit, wenn sie von Mettenhof hört oder erzählt. Ich bin sicher, dass sie eines Tages wieder zurück kommt.

Ich jedenfalls bin froh, dass ich hierher gezogen bin. Meine Vorurteile sind verflogen, was ich denen, die noch welche haben, immer versuche, klar zu machen. Natürlich gibt es auch Konflikte zwischen den Menschen, die ich gar nicht schön reden will. Aber die gibt es schließlich überall. Ich kenne auch nicht den Grund dafür, weshalb die sozialen Kontakte hier so funktionieren. Irgendwie liegt über allem eine bestimmte Art von Magie, deren Geheimnis ich auch noch nicht entschlüsseln konnte. Für mich ist Mettenhof jedenfalls laut und bunt und genau das gefällt mir.

Da bleibt mir nur noch zu sagen, Mettenhof ist doch schön.


Heidi Venker


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